29.07.2026 | 05:30
Milliardenmärkte Adipositas, Onkologie und Neurologie im Fokus: Novo Nordisk, Vidac Pharma und AbbVie
Die Gesundheitsbranche der Zukunft wird von drei wesentlichen Megatrends angetrieben: Adipositas, Onkologie und Neurologie. Während der Markt für Krebsmedikamente auf fast 700 Mrd. USD zusteuert und Alzheimer-Therapien explodieren, hat der GLP-1-Boom erst begonnen und die Onkologie als größten Pipeline-Werttreiber abgelöst. Doch nicht jedes Unternehmen wird von dieser Dynamik gleichermaßen profitieren. Der entscheidende Unterschied liegt in der strategischen Ausrichtung und der Fähigkeit, wissenschaftliche Meilensteine in Markterfolge zu übersetzen. Wir sehen uns daher heute mit Novo Nordisk, Vidac Pharma und AbbVie drei Unternehmen an, die jeweils einen dieser Bereiche verkörpern.
Lesezeit: ca. 4 Min.
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Autor:
Armin Schulz
ISIN:
NOVO NORDISK A/S | DK0062498333 , VIDAC PHARMA HOLDING PLC | GB00BM9XQ619 , ABBVIE INC. DL-_01 | US00287Y1091
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Armin Schulz
Der gebürtige Mönchengladbacher studierte Betriebswirtschaftslehre in den Niederlanden. Im Zuge des Studiums kam er erstmals mit der Börse in Kontakt. Er hat mehr als 25 Jahre Erfahrung bei Börsengeschäften.
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Novo Nordisk – treibt Abnehmpille voran
Die jüngsten Entwicklungen bei Novo Nordisk zeichnen das Bild eines Konzerns im Spannungsfeld gegensätzlicher Kräfte. Während die Europäische Kommission Mitte Juli grünes Licht für die Wegovy-Tablette gab, was einen bedeutenden Meilenstein im wachsenden Markt der oralen GLP-1-Therapien darstellt, musste das Unternehmen noch im Februar einen Rückschlag verkraften. Die Phase-3-Studie zum Kombinationspräparat CagriSema verfehlte ihr Ziel, die Nichtunterlegenheit gegenüber Eli Lillys Tirzepatid nachzuweisen. Die Enttäuschung über diesen Ausgang war am Markt deutlich spürbar, auch wenn der wissenschaftliche Leiter des Unternehmens das Potenzial der Kombination aus Semaglutid und Cagrilintid weiterhin betont.
Die Wettbewerbsdynamik verschärft sich zusätzlich durch rechtliche Auseinandersetzungen. Novo Nordisk reichte Klage gegen Eli Lilly ein, weil Werbung für Zepbound auf einem veralteten Dosisvergleich basiere und die neuere, höher dosierte Wegovy-Version unberücksichtigt lasse. Die Begründung: Ein direkter Vergleich sei nur auf Basis zeitgleich verfügbarer Daten zulässig. Lilly weist die Vorwürfe zurück und verweist auf die SURMOUNT-5-Studie als „Goldstandard“. Parallel dazu erteilte Kanada im Juli die Zulassung für ein erstes generisches Semaglutid-Präparat, was die Preismacht des dänischen Konzerns in weiteren Industrienationen potenziell untergraben könnte.
Trotz dieser Herausforderungen bleibt das Management in der Offensive. Das Aktienrückkaufprogramm über 15 Mrd. DKK läuft. Gleichzeitig investiert der Konzern in die Produktionsinfrastruktur, sowohl in China als auch in Tschechien, um die Versorgungssicherheit für die kommenden Jahre zu gewährleisten. Die am 5. August anstehenden Quartalszahlen und der Ausblick des Managements werden entscheidend dafür sein, ob sich der jüngste Erholungstrend der Aktie fortsetzt oder ob die Sorgen um den Wettbewerb und die Pipeline-Enttäuschungen überwiegen.
Vidac Pharma - Stoffwechsel-Ansatz bekommt Rückenwind
Die EMA-Zulassung für die Phase-2b-Studie mit VDA-1102 bei hochproliferativer aktinischer Keratose war der Startschuss für einen beschleunigten klinischen Fortschritt. Schon im Februar wurde der erste Patient behandelt und im Juni war die Rekrutierung aller 39 Patienten im geplanten Zeitrahmen abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit teilte das Unternehmen mit, dass es bislang keine behandlungsbedingten schwerwiegenden Nebenwirkungen gab. Die erwarteten Topline-Daten nach der Nachbeobachtungsphase könnten die Weichen für eine anschließende Phase 3 stellen. Für ein kleines Biotech ist das ein seltener Grad an operativer Disziplin, der das Vertrauen in die Umsetzungsfähigkeit stärkt.
Die strategische Expansion nach Kontinentaleuropa gewinnt ebenfalls Konturen. Die Aufnahme der geplanten französischen Tochter Eutopos Pharma in den Accelerator Quest for Health im Juli verschafft Zugang zum BioValley-Netzwerk mit Partnern aus Wissenschaft, Industrie und Kapitalgebern. Mit Dr. Séverine Sigrist als designierter CEO der Tochter holt sich Vidac erfahrene Biotech-Expertise ins Boot. Der Standort Straßburg soll künftig Forschung, klinische Studien und Partnerschaften bündeln. Das ist ein kluger Schachzug, um näher an europäischen Märkten und Investoren zu agieren.
Die Pipeline ruht auf mehreren Säulen. VDA-1102 läuft in zwei Indikationen (AK und CTCL), der systemische Kandidat VDA-1275 für solide Tumoren befindet sich in der präklinischen IND-enabling-Phase. Jüngste Patenterteilungen in den USA und Kanada sichern den Kernmechanismus bis weit in die 2040er Jahre. Das Management und Großaktionäre stellten im Februar erneut Kapital zur Verfügung. Das ist ein klares Bekenntnis zur eigenen These. Die wachsende wissenschaftliche Anerkennung des HK2-Ansatzes, zuletzt sichtbar auf Fachkonferenzen, untermauert das Potenzial, über Dermatologie hinaus auch bei anderen hyperproliferativen Erkrankungen zu wirken.
AbbVie - mit Immunologie-Dominanz und Neuausrichtung
Die angekündigte Akquisition von Apogee Therapeutics für 10,9 Mrd. USD markiert einen strategischen Wendepunkt. AbbVie sichert sich mit Zumilokibart einen vielversprechenden Kandidaten gegen Neurodermitis, der das Immunologie-Portfolio ergänzt. Die vollständige Fremdfinanzierung des Deals schont zwar die Dividendenkasse, erhöht aber die Verschuldung auf rund 83 Mrd. USD. Der Markt reagierte überraschend positiv. Das ist ein klares Signal, dass Investoren die langfristige Logik hinter dem Schritt erkennen. Die Phase-2 Daten zeigen vielversprechende Ergebnisse, doch der Beweis muss in der Phase-3 erbracht werden. Die eigentliche Frage bleibt, ob AbbVie damit den nächsten Patentklippen-Zyklus erfolgreich antizipiert.
Das Neuroscience-Portfolio erwirtschaftete im 1. Quartal 2026 rund 2,9 Mrd. USD, ein Anstieg von 26 %. Besonders Qulipta und Vyalev treiben das Wachstum, während Botox Therapeutic und Vraylar stabile Beiträge liefern. Das Management sieht hier drei Standbeine mit jeweils mindestens 5 Mrd. USD Potenzial. Die Pipeline-Programme Tavapadon gegen Parkinson und ABBV-1758 bei Alzheimer halten weitere Optionen offen. Die jüngsten Zulassungen von Boey in Europa und Kanada sowie SKINVIVE in den USA unterstreichen die operative Breite. Für Investoren bleibt entscheidend, ob die aktuelle Dynamik anhält und die Pipeline den Sprung in die nächste Entwicklungsstufe schafft.
Mit einem erwarteten KGV von 18 handelt AbbVie leicht unter dem Branchenschnitt, trotz überdurchschnittlicher Margen und zweistelliger Umsatzwachstumsraten. Die derzeitige Dividendenrendite von rund 2,7 % übertrifft den S&P-500-Durchschnitt deutlich, und die Ausschüttungsquote von 60 % des freien Cashflows erscheint tragfähig. Die jüngste Gewinnwarnung durch einmalige Sonderbelastungen im laufenden Quartal zeigt jedoch die Volatilität der Ergebnisentwicklung. Analysten rechnen für 2026 mit einem Gewinn je Aktie von rund 14,24 USD, doch der Ausblick bleibt von der Integration der Übernahme und dem Erfolg der Pipeline geprägt. Der am 31. Juli anstehende Quartalsbericht wird zeigen, ob die Erwartungen erfüllt werden können.
Die drei Unternehmen verkörpern unterschiedliche Bereiche der Gesundheits-Megatrends. Novo Nordisk dominiert die Adipositas-Therapie, kämpft aber mit wachsendem Wettbewerbsdruck und klinischen Rückschlägen, die den Aktienkurs belasten. Vidac Pharma hingegen präsentiert sich als aufstrebendes Biotech mit aktuellen klinischen Studien, robustem Patentschutz bis in die 2040er und wachsender wissenschaftlicher Anerkennung des HK2-Ansatzes. Die bevorstehenden Phase-2b Daten könnten das Unternehmen deutlich aufwerten. AbbVie stemmt sich mit milliardenschweren Zukäufen gegen den Patentablauf und punktet im Neurobereich, muss aber die Integration und hohe Verschuldung managen.
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