09.09.2026 | 05:00
Biotech-Boom dank Synergien: AstraZeneca setzt auf Plattformen, Almirall schmiedet Allianzen und Vidac Pharma hat das Multi-Tool
Jeder in Deutschland kennt es: Volle Arztpraxen und ein Gesundheitssystem, das am Limit ist. Doch auch wenn die Wartezimmer voll sind, gibt es doch auch Lichtblicke. In Europa wird in vielen Bereichen erfolgreich geforscht. Während Standardpräparate nach und nach ihren Patentschutz verlieren, bricht ein neues Zeitalter an. Die Spitzenforschung gilt in Deutschland zwar noch immer als brillant, scheiterte aber nur allzu oft daran, Erkenntnisse in Produkte zu übersetzen. Doch das ändert sich. Eine neue Generation europäischer Pharma-Akteure schließt die Lücke zur Konkurrenz und zeigt, dass bahnbrechende Therapieerfolge längst nicht mehr nur aus Übersee stammen müssen. Wir stellen spannende Unternehmen vor.
Lesezeit: ca. 4 Min.
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Autor:
Nico Popp
ISIN:
ASTRAZENECA PLC DL-_25 | GB0009895292 , ALMIRALL S.A. EO -_12 | ES0157097017 , VIDAC PHARMA HOLDING PLC | GB00BM9XQ619
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Nico Popp
In Süddeutschland zuhause, begleitet der leidenschaftliche Börsianer die Kapitalmärkte seit rund zwanzig Jahren. Mit einem Faible für kleinere Unternehmen ausgestattet, ist er ständig auf der Suche nach spannenden Investmentstorys
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Almirall setzt auf Präzision in der Dermatologie und schmiedet Allianzen
Der spanische Dermatologie-Spezialist Almirall zeigt, dass sich auch Pharma-Unternehmen aus Europa im internationalen Spitzenfeld behaupten können. Statt sich in unzähligen Projekten zu verzetteln, fokussieren die Katalanen ihre Kräfte konsequent auf entzündliche Hautkrankheiten und auf moderne Biologika. Dass sich dieser Kurs wirtschaftlich bezahlt macht, zeigen die Geschäftszahlen der vergangenen Jahre: Im Geschäftsjahr 2024 steigerte Almirall den Nettoumsatz um 10,2 % auf 985,7 Mio. EUR, erzielte ein operatives EBITDA von 192,6 Mio. EUR und investierte mit 124,2 Mio. EUR exakt 12,6 % der Erlöse in Forschung und Entwicklung. Im Folgejahr kletterten die Einnahmen weiter auf 1,11 Mrd. EUR bei einer stabilen F&E-Quote von 12,5 %. Ertragsbringer ist das Biologikum Lebrikizumab, welches das Entzündungszytokin IL-13 neutralisiert. Nach den behördlichen Freigaben rollt der Konzern den Antikörper über Schlüsselmärkte wie Deutschland, Österreich, Großbritannien und Spanien aus, während Lizenzpartner Eli Lilly den Vertrieb in Übersee übernimmt. Gleichzeitig steht Almirall jedoch auch unter Margendruck, da der Ausbau der Vertriebswege und aufwendige Phase-3-Zulassungserweiterungen für Kleinkinder finanzielle Ressourcen binden. Um im Rennen gegen die Konkurrenz nicht zurückzufallen, treibt das Unternehmen eigene Pipeline-Kandidaten wie den Dreifach-Signalweg-Hemmer ALM27134 in Phase 2 voran und sichert sich mit Tirbanibulin zudem Marktanteile bei aktinischer Keratose, muss dafür aber Feldstudien finanzieren.
AstraZeneca setzt auf Großplattformen
Bei den ganz Großen der Branche demonstriert der britisch-schwedische Konzern AstraZeneca, wie sich translationale Spitzenforschung auf industrielles Niveau heben lässt. Mit seiner langfristig ausgerichteten Strategie will das Management bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts zwanzig neuartige Medikamente zur Marktreife bringen. AstraZeneca peilt im Rahmen seiner Roadmap bis 2030 einen Jahresumsatz von 80 Mrd. USD an, nachdem man zuletzt bereits Erlöse weit über 50 Mrd. USD erzielen konnte. Entscheidend für diese Pläne sind riesige Forschungskomplexe wie das Discovery Centre im britischen Cambridge sowie der Campus im schwedischen Göteborg. Trotzdem kämpft AstraZeneca auch mit den typischen Reibungsverlusten moderner Zelltherapien: Autologe CAR-T-Verfahren sind in der Herstellung extrem kostspielig, langwierig und prallen an den dichten Schutzwällen solider Tumore regelmäßig ab. Um diese Probleme zu lösen, rüsten die Forscher körpereigene T-Zellen genetisch gegen das immunsuppressive Zytokin TGF-beta auf oder attackieren über die zugekaufte Neogene Therapeutics intrazelluläre Zielstrukturen via TCR-T-Konstrukte. Gleichzeitig treibt AstraZeneca zelluläre CAR-T-Plattformen für komplexe Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes voran. Diese innovativen Verfahren verschlingen viel Kapital und erfordern eine komplexe Logistik.
Vidac Pharma dreht den Stoffwechsel von Krebszellen um
Während die Branchenriesen Milliarden in bestehende Plattformen investieren, wählt das Biotech-Unternehmen Vidac Pharma einen radikaleren Hebel: Das Forscherteam greift ein Phänomen an, das die Fachwelt seit den Tagen des deutschen Forschers und Nobelpreisträgers Otto Warburg fasziniert: Krebszellen verhalten sich im Körper wie Schmarotzer. Sie stellen ihren Motor komplett um und verbrennen Unmengen an Zucker, um schneller zu wachsen. Normalerweise sorgt eine Art „biologische Notbremse“ dafür, dass schwer beschädigte Zellen von selbst sterben. Bei Tumoren hebelt ein bestimmtes Enzym diesen Schutzmechanismus jedoch aus. Das Enzym wandert an die Kraftwerke der Zelle, dockt dort an eine winzige Schleuse an und zweigt direkt Energie ab. Gleichzeitig verriegelt es diese Pforte wie ein Keil. Dadurch dringen die körpereigenen Signale für den programmierten Zelltod nicht mehr durch und die Krebszelle wird quasi unsterblich.

Genau hier setzt der Wirkstoff von Vidac Pharma an: Er wirkt wie ein präziser molekularer Dietrich. Das Molekül löst die Verbindung zwischen Enzym und Zellschleuse auf. Sobald das Enzym weggeschoben wird, bricht der unkontrollierte Zuckerrausch des Tumors zusammen. Die Schleuse öffnet sich wieder, die Zelle empfängt ihre natürlichen Selbstzerstörungs-Befehle und stirbt kontrolliert ab. Weil gesunde Körperzellen andere molekulare Bausteine nutzen und diese Schleusen gar nicht erst blockieren, greift die Therapie ausschließlich das erkrankte Gewebe an. In einer kontrollierten klinischen Phase-2a-Studie reduzierte die aufgetragene Salbe VDA-1102 die Zahl der Hautläsionen bei Hochrisikopatienten mit aktinischer Keratose – einer Vorstufe von hellem Hautkrebs – im Median um 64,6 % gegenüber einem Placebo. Das Entscheidende für Betroffene: Die quälenden, entzündlichen Hautschäden gängiger Standardtherapien blieben vollständig aus. Die europäische Folgestudie zur Absicherung der Daten läuft bereits, nachdem das Wuppertaler Studienzentrum Centroderm die Behandlung im Februar 2026 gestartet und die Rekrutierung aller 39 Teilnehmer im Juni 2026 abgeschlossen hat.
Pipeline-Potenzial und aussichtsreiche Allianzen bei Vidac Pharma
Das Anwendungsspektrum der Wirkstoffplattform von Vidac Pharma endet keineswegs bei Hautkrebs oder Vorstufen davon. Den spannendsten Hebel für künftige Partnerschaften liefert der Wirkstoff VDA-1275. Die neuartige chemische Substanz befindet sich in präklinischen Tests gegen Darm-, Lungen- und Lebertumore. Laborbefunde belegen, dass der Wirkstoff tumorfördernde M2-Makrophagen in abtötende M1-Zellen transformiert und die Bildung schützender CD8-Gedächtniszellen anregt. Zudem drückte die Substanz in dreidimensionalen Organoid-Modellen menschlicher Lebertumore die erforderliche Dosierung bewährter Zytostatika wie Cisplatin drastisch nach unten. Angesichts solcher Synergien ist Vidac Pharma ein spannendes Unternehmen, das bei vielen größeren Biotechs oder Pharmakonzernen andocken könnte. Vorbild könnte Almirall sein, das mit seiner 300 Mio. EUR schweren mRNA-Partnerschaft mit Etherna oder dem bis zu 650 Mio. USD umfassenden KI-Abkommen mit Absci gezeigt hat, wie man auch als mittelgroßes Unternehmen gemeinsam mit Partnern das ganz große Rad drehen kann.
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