02.04.2026 | 05:00
Grüne Versprechen, gelbe Lösungen: KWS Saat, Mustgrow Biologics und Corteva im Check
Greenwashing oder echte Innovation? Die Debatte um nachhaltige Investments trifft kaum eine Branche so hart wie die Agrarchemie. Unternehmen wie Corteva, KWS Saat und Mustgrow Biologics arbeiten an Technologien, die das Potenzial haben, die Landwirtschaft grundlegend zu verändern. Ob durch gentechnisch optimierte Nutzpflanzen oder natürliche Senfextrakte: Der Wettlauf um effizientere und umweltverträglichere Anbaumethoden ist in vollem Gange. Für Anleger eröffnen sich dadurch spannende Chancen.
Lesezeit: ca. 8 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
KWS SAAT KGAA INH O.N. | DE0007074007 , MUSTGROW BIOLOGICS CORP | CA62822A1030 | TSXV: MGRO , OTCQB: MGROF , CORTEVA INC. DL -_01 | US22052L1044
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Greenwashing als Spiegel einer Debatte
Seit den massiven Kampagnen gegen Deutschlands größte Fondsgesellschaft DWS Group ist der Begriff Greenwashing in aller Munde. Der Tochter der Deutschen Bank wird vorgeworfen, bestimmten Anlageprodukten einen grünen Anstrich zu verpassen, um sie als nachhaltig zu verkaufen, obwohl sie es angeblich nicht sind. Nun lässt sich lange darüber streiten, was grün ist und was nicht, beispielsweise sind die lange verpönten Rüstungsaktien inzwischen wieder en vogue. Dem Aktienkurs der DWS Group hat die Debatte bislang nicht geschadet.
Wenn man den Gedanken weiterspinnt, könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass auch die sogenannte Grüne Biotechnologie reines Greenwashing ist. Gemeint ist damit der Einsatz molekularbiologischer Methoden in der Landwirtschaft, um Nutzpflanzen effizienter, resistenter gegen Schädlinge oder widerstandsfähiger gegen Trockenheit zu machen. In der EU und insbesondere in Deutschland ist die Grüne Biotechnologie umstritten. Während Befürworter die Nachhaltigkeit durch weniger Pestizide und höhere Erträge hervorheben, fordern Kritiker strenge Sicherheitsprüfungen und eine Kennzeichnungspflicht. Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wird daher hierzulande kaum praktiziert.
KWS Saat: Genome Editing als Zukunftswette
Eines der wenigen deutschen Unternehmen, das sich öffentlich zu Eingriffen ins Erbmaterial von Pflanzen bekennt, ist KWS Saat. Die 1856 gegründete Firma, früher unter dem Namen Kleinwanzlebener Saatzucht bekannt, führt ins Feld, dass biotechnologische Methoden in der modernen Pflanzenforschung und -züchtung mittlerweile überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit seien. Da vor allem China in Sachen „Genome Editing", wie es in der Fachsprache heißt, die Nase vorn hat, kooperiert das SDAX-Unternehmen eng mit der dortigen Industrie.
Zumindest, was die Kursentwicklung angeht, scheint KWS Saat auf dem richtigen Weg zu sein: Trotz der Börsenturbulenzen infolge des Kriegs im Nahen Osten sprang die Aktie seit Ende Februar von 63,00 auf aktuell über 75,00 EUR, obwohl das Management um Vorstandschef Felix Büchting die Prognose für das Geschäftsjahr 2025/26 kurz zuvor gesenkt hatte. Statt zu wachsen, soll der Umsatz nach der neuen Guidance nun auf dem Vorjahresniveau von knapp 1,68 Mrd. EUR verharren. Immerhin das Margenziel von 19 bis 21 % vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) wurde bestätigt. Da weder die Zahlen fürs Winterhalbjahr, in dem traditionell Verluste anfallen, noch die Prognose Anlass zur Euphorie gaben, richtet sich der Blick der Börsianer offenbar weiter in die Zukunft. Denn Wissenschaftler sind sich einig, dass an effizienteren Nutzpflanzen auf Dauer kein Weg vorbeiführen kann, da die Weltbevölkerung weiter wächst, während die Anbauflächen durch den Klimawandel zurückgehen. Im Kampf gegen den Hunger könnte KWS Saat eine Schlüsselrolle zukommen – deutsche Störgefühle hin oder her.
Da das Unternehmen das Portfolio konsequent bereinigt, um sich auf die profitableren Aktivitäten zu konzentrieren, stehen die Zeichen in den kommenden Jahren auf Wachstum. Analysten erwarten bis 2028 einen Umsatzanstieg auf 1,77 Mrd. EUR und ein Ergebnis je Aktie von 6,01 EUR. Auf dieser Basis ist das schuldenfreie Unternehmen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von etwa 12 und einem aktuellen Börsenwert von 2,4 Mrd. EUR (bei 1,6 Mrd. EUR Eigenkapital) attraktiv bewertet. Das Analysehaus Warburg Research sieht den fairen Wert der Aktie bei 91,50 EUR.
Mustgrow Biologics: Kampf der chemischen Keule
Ob die Perspektiven für die Grüne Gentechnik allerdings so rosig sind, wie die Vorschusslorbeeren für KWS Saat und Co. verheißen, muss sich erst noch zeigen. Denn weltweit suchen Forscher nach Alternativen. Dabei könnte sich ein Newcomer aus der kanadischen Provinz Saskatchewan hervortun: Mustgrow Biologics setzt auf eine natürliche Methode, um die Effizienz von Anbauflächen zu erhöhen, ohne ins Erbgut der Pflanzen einzugreifen. Die patentierte Technologie der Kanadier macht sich die Wirkstoffe der Senfpflanze zunutze, um Böden zu verbessern und Schädlinge zu bekämpfen. Da Bayer nach dem Monsanto-Debakel ebenfalls nach neuen Wegen sucht, um umwelt- und gesundheitsverträgliche Pflanzenschutzmittel auf den Markt zu bringen, kooperiert der Leverkusener DAX-Konzern bereits mit Mustgrow, ebenso wie der japanische Chemieriese Sumitomo.
Die Idee ist so einfach wie genial: Senföle haben eine starke Wirkung gegen Bakterien, Viren und Pilze, was für Menschen bei Atemwegserkrankungen oder Harnwegsinfektionen hilfreich sein kann. In der Landwirtschaft haben Senfpflanzen den Vorteil, dass sie tiefe Wurzeln bilden, was den Boden auflockert. Ihr schnelles Wachstum verhindert die Ausbreitung von Unkraut und schützt Agrarflächen vor Erosion. Senfkörner eignen sich zudem als natürlicher Dünger, weil sie Nährstoffe an den Boden abgeben, was die Fruchtbarkeit steigert. Schädlinge wie Fadenwürmer werden abgeschreckt, während die gelben Blüten eine wichtige Nahrungsquelle für nützliche Insekten, allen voran Honigbienen, sind.
TerraSante und Co.: Das Produktportfolio im Überblick
Man könnte also auch von „Gelber Biotechnologie“ sprechen. Das Hauptprodukt von Mustgrow heißt TerraSante und ist ein organischer Bodenverbesserer auf Basis von Senfextrakten. Die darin enthaltenen Proteine und Kohlenhydrate bilden quasi die Nahrung nützlicher Bodenmikroben, die wiederum – ganz ohne Einsatz synthetischer Dünger – im Boden gebundene Nährstoffe wie Phosphor für die Pflanzen verfügbar machen. Feldversuche auf Kartoffeläckern im US-Bundesstaat Washington haben die Wettbewerbsfähigkeit von TerraSante bereits bestätigt.
Weitere Produkte im Mustgrow-Portfolio sind das Biokontrollmittel TerraMG, das gegen schädliche Bodenorganismen eingesetzt wird, sowie ökologische Pflanzenschutzmittel mit dem ebenfalls aus der Senfpflanze gewonnenen Wirkstoff Allylisothiocyanat (AITC), die vor allem zur Keimunterdrückung bei gelagertem Gemüse eingesetzt werden. Das erhöht die Haltbarkeit, insbesondere Kartoffeln bleiben länger frisch.
Durch die Übernahme der biologischen Agrar-Assets von NexusBioAg – einer Sparte von Univar Solutions Canada – holte sich das Unternehmen Anfang 2025 eine Vertriebsabteilung und zusätzliche Entwicklungskapazitäten ins Haus. Dadurch wurden die bestehenden Produktlinien um weitere innovative Lösungen ergänzt, insbesondere Biostimulanzien, die das Wachstum und die Entwicklung von Pflanzen fördern. Damit erhöht sich das Ertragspotenzial, während die Auswirkungen von Hitze, Trockenheit, Kälte, Salzstress und anderen Umwelteinflüssen reduziert werden.
Die von einer Nexus-Tochter entwickelten Rootella mycorrhizAL-Impfstoffe verbessern das Wurzelgeflecht durch die Bildung von Pilzmyzelen, was die Fähigkeit von Pflanzen zur Aufnahme von Wasser und Nährstoffen erhöht. Fruchtbarkeit, Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit werden durch diese hochwirksamen Impfstoffe erhöht, der Einsatz von chemischen Düngemitteln kann deshalb deutlich reduziert werden.
Konzentration auf das margenstärkste Geschäft
Etwas überraschend meldete das Management um CEO Corey Giasson am 31. März, dass es die mitübernommene Vertriebsabteilung von NexusBioAg Mitte des Monats schließt und sich vorerst ganz auf den Bodenverbesserer TerraSante konzentrieren will. Unter anderem verkaufte die Vertriebsmannschaft auch Produkte von Fremdanbietern an Farmer. Dieses margenschwache Geschäft wird nun aufgegeben.
An der Börse erhält Mustgrow bislang wenig Aufmerksamkeit. Der Kurs dümpelt in der Region des Fünfjahrestiefs bei etwa 0,50 CAD, umgerechnet etwas mehr als 0,30 EUR. Der Börsenwert liegt bei mickrigen 20 Mio. EUR. Dabei sind die finanziellen Probleme, die auch durch die Nexus-Übernahme entstanden, fürs Erste gelöst. Eine Kapitalerhöhung spülte Anfang des Jahres 2,0 Mio. USD in die Kasse, was dem Unternehmen finanziellen Handlungsspielraum verschafft. Wann allerdings die Gewinnzone erreicht wird, steht in den Sternen, daher könnten bis zum endgültigen Durchbruch weitere Kapitalmaßnahmen notwendig sein. Bisher lebt das Unternehmen vor allem von Lizenz- und Meilensteinzahlungen seiner Kooperationspartner. Wegen der geringen Marktkapitalisierung wäre aber auch eine Übernahme keine Überraschung, denn die Suche nach Ersatz für synthetische Pestizide, Herbizide und chemische Düngemittel läuft weltweit auf Hochtouren.
Corteva: Der Branchenriese mit Aufspaltungsfantasie
Ein gefundenes Fressen könnte Mustgrow für Agrarchemie-Giganten vom Schlage Corteva sein. Das US-Unternehmen entstand in den Jahren 2015 bis 2017 im Zuge der Fusion von Dow Chemical und DuPont, die ihre Agraraktivitäten in Corteva bündelten und 2019 als eigenständiges Unternehmen an die Börse brachten. Der Fokus liegt auf Saatgut, Pflanzenschutz und digitalen Lösungen für die Landwirtschaft. Der Kurs hat sich seither prächtig entwickelt und erreichte kürzlich ein neues Allzeithoch über 70,00 EUR. Mit einem Börsenwert von 48 Mrd. EUR spielt der Konzern in einer anderen Liga als KWS Saat und Mustgrow.
Allerdings sparen Umweltorganisationen – wie einst bei Monsanto – nicht mit Kritik: Produktion von Pestiziden, Belastung des Grundwassers, Marktmacht, Risiken neuer Gentechniken und vor allem die Patentierung von Saatgut machen das US-Unternehmen immer wieder zur Zielscheibe von Protestaktionen. Zudem gab es schon Sammelklagen wegen möglicher Schädigungen von Landwirten durch Rabattprogramme, die den Wettbewerb beeinträchtigt haben sollen. Konzernchef Chuck Magro steuert längst gegen, indem er die Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige, börsennotierte Unternehmen vorantreibt: New Corteva soll sich auf Pflanzenschutz fokussieren, die Saatgut-Aktivitäten werden in eine Firma unter dem vorläufigen Namen SpinCo überführt.
Darüber hinaus gibt es ein klares Bekenntnis des Managements zu mehr Nachhaltigkeit, weshalb mit Symborg und Stoller bereits zwei führende Player im schnell wachsenden Markt für biologische Betriebsmittel übernommen wurden. Nach wie vor sind die Amerikaner aber alles andere als Waisenknaben, wenn es um den Einsatz von Gentechnik und chemischen Keulen geht. Dennoch ist die Aktie nicht nur wegen der Aufspaltungsfantasie interessant: Umsatz und Gewinn sollen sich laut Analystenschätzungen in den nächsten Jahren kontinuierlich nach oben entwickeln, die aktuelle Bewertung mit einem KGV von etwas mehr als 20 geht für US-Verhältnisse in Ordnung.
Fazit: Für jeden Risikoappetit das Richtige
„Gegessen wird immer“ sagt eine alte Börsenweisheit. Damit das so bleibt – oder sich die weltweite Ernährungssituation sogar verbessert – ist der Einsatz innovativer Technologien in Zukunft unabdingbar. Für Anleger ist Corteva deshalb trotz aller Kritikpunkte ein klassisches Basisinvestment mit ausgezeichneten Wachstumsperspektiven. KWS Saat ist deutlich kleiner und schwankungsanfälliger, aber günstiger bewertet und gilt ebenfalls als grundsolide. Wer auf den Durchbruch der „Gelben Biotechnologie" setzt und zudem auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte Wert legt, findet in Mustgrow Biologics ein Investment mit besonders interessanten Zukunftsperspektiven, wobei noch unklar ist, wann sich die Innovationskraft des Unternehmens in klingender Münze auszahlen wird. Die Abhängigkeit von Meilensteinzahlungen der Kooperationspartner ist Fluch und Segen zugleich: Zum einen ist das Klumpenrisiko nicht zu unterschätzen, zum anderen kommt dadurch ein Schuss Übernahmefantasie in die Senfsoße.
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