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02.07.2026 | 05:35

Drei Highflyer im Korrekturmodus: Lohnt sich der Einstieg bei Almonty, Friedrich Vorwerk und Applied Digital?

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Bildquelle: Pixabay

Drei Branchen, drei Bewertungsrealitäten, ein Muster: Friedrich Vorwerk, Almonty Industries und Applied Digital zeigen, wie schnell aus Kursraketen Konsolidierungskandidaten werden. Für Investoren kann das auch eine Chance sein. Alle drei haben innerhalb weniger Quartale den Sprung vom unbeachteten Nebenwert zum milliardenschweren Konzern vollzogen. Alle drei befinden sich aktuell in einer Korrekturphase. Und bei allen dreien lohnt sich ein genauer Blick auf das Warum. Wo Anleger auf dem ermäßigten Niveau jetzt zugreifen können, wo Vorsicht geboten ist.

Lesezeit: ca. 7 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: ALMONTY INDUSTRIES INC. | CA0203987072 | TSX: AII , NASDAQ: ALM , ASX: AII , FRIEDRICH VORWERK GROUP SE | DE000A255F11 , APPLIED DIGITAL CORPORATION | US0381692070 | NASDAQ: APLD

Inhaltsverzeichnis:


    Friedrich Vorwerk: Unterirdisch im positiven Sinne

    Friedrich Vorwerk aus dem niedersächsischen Tostedt verlegt Rohrleitungen und Anlagen für Strom-, Gas- und Wasserstoffnetze – ein Geschäftsmodell, das in der Substanz so unspektakulär klingt, wie es an der Börse zwischenzeitlich spektakulär bewertet wurde. Zwischen Mitte 2023 und Oktober 2025 hat sich der Kurs auf bis zu 105 EUR nahezu verzehnfacht, getragen vom sogenannten Sondervermögen für die deutsche Infrastruktur in Höhe von 500 Mrd. EUR und einem Auftragsbestand, der zuletzt über 1 Mrd. EUR lag – mehr als der gesamte Jahresumsatz. Die Geschäftszahlen für 2025 untermauerten diese Dynamik eindrucksvoll: Der Umsatz stieg um 41 % auf 704 Mio. EUR, das operative Ergebnis (EBITDA) verdoppelte sich nahezu auf 163 Mio. EUR, der Nettogewinn sprang um 140 % auf 86,5 Mio. EUR. Zusätzlich zur regulären Dividende von 0,70 EUR erhielten Anleger eine Bonuszahlung von 0,40 EUR je Aktie.

    Seit dem Allzeithoch im vergangenen Herbst ist der Kurs dennoch um ein gutes Drittel auf aktuell 68,70 EUR abgesackt. Diese Schwäche lässt sich nicht allein als Konsolidierung des steilen Anstiegs erklären. Es gibt einen konkreten regulatorischen Auslöser. Die Bundesregierung erwägt im Zuge des Netzausbaus, künftig wieder verstärkt auf die deutlich günstigeren Freileitungen statt auf die teureren Erdkabel zu setzen. Ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell zu einem wesentlichen Teil auf der Erdverlegung von Energieleitungen beruht, träfe eine solche Gesetzesänderung direkt. Hinzu kommt ein Ausblick, der den Börsianern offenbar zu vorsichtig war: Der Vorstand rechnet für 2026 mit einer Umsatzspanne von 730 bis 780 Mio. EUR. Das bedeutet zwar ein Wachstum zwischen 4 und 11 %, aber eine deutliche Verlangsamung im Vergleich zum Vorjahresplus von 41 %. Diese Entwicklung ist ein sogenannter Basiseffekt, exemplarisch für Unternehmen, die in kurzer Zeit in eine Milliardenbewertung hineingewachsen sind. Je größer die Umsatzbasis ist, desto schwieriger wird es, die Zuwachsraten der Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Schnelles Wachstum hat eben auch seine Schattenseiten. Nicht nur der administrative Aufwand steigt, sondern auch die Erwartungen des Kapitalmarkts.

    Bemerkenswert ist die Reaktion des Managements auf den Kursrückgang: CEO Torben Kleinfeldt, der dem Unternehmen seit 2001 verbunden ist und mehr als 18 % der Anteile hält, kaufte über seine ALX Beteiligungsgesellschaft seit April für fast 2 Mio. EUR eigene Aktien zu. Auch Finanzvorstand Tim Hameister und die Muttergesellschaft MBB decken sich bei Kursschwäche konsequent ein. Ein Insiderverhalten, das im Widerspruch zur skeptischen Markteinschätzung steht und nahelegt, dass das Management die regulatorische Unsicherheit für überzeichnet hält. Mit einem für 2027 erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13 und einer Marktkapitalisierung von knapp 1,4 Mrd. EUR notiert das Unternehmen mit dem unterirdischen Geschäftsmodell auf einem Bewertungsniveau, das Luft nach oben lässt.

    Almonty Industries: Der Weg zum geopolitischen Schlüsselspieler

    Wenn ein Unternehmen innerhalb von zwei Jahren um mehr als 2.000 % zulegt, braucht es dafür eine außergewöhnliche Geschichte. Bei Almonty Industries heißt diese Geschichte Sangdong: Die südkoreanische Wolframmine, über drei Jahrzehnte stillgelegt, ging im März 2026 nach jahrelanger Entwicklungsarbeit offiziell in Betrieb – zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Westen seiner Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen zunehmend bewusst wird. Ab Januar 2027 untersagen neue US-Verteidigungsrichtlinien den Einsatz von Wolfram aus China und Russland in amerikanischen Rüstungslieferketten – ein regulatorisches Zeitfenster, in das Almonty mit seiner Produktionsaufnahme nahezu punktgenau hineinfällt. Das Unternehmen positioniert sich entsprechend als einer der wenigen relevanten westlichen Lieferanten des hitzebeständigsten Metalls der Welt, das für Werkzeuge, Halbleiterfertigung und nicht zuletzt für Panzerungen und Munition unverzichtbar ist.

    Die operativen Fortschritte sind keineswegs Versprechen geblieben: Obwohl die Sangdong-Mine erst kurz vor Quartalsende den Betrieb aufnahm und noch längst nicht unter Volllast produziert, verdreifachte sich der Umsatz im ersten Jahresviertel auf 25,4 Mio. CAD, der operative Cashflow drehte mit 9,7 Mio. CAD deutlich ins Positive – nach einem Minus im Vorjahresquartal. Der ausgewiesene Nettoverlust erklärt sich nahezu vollständig durch nicht zahlungswirksame Neubewertungseffekte bei Derivaten und Optionsscheinen, nicht durch das operative Geschäft. Analysten erwarten trotz der Hochlaufkosten für dieses Jahr bereits einen Nettogewinn von 239 Mio. CAD, der nächstes Jahr auf 607 Mio. CAD steigen soll und bereits 2029 an der Schwelle zu 1 Mrd. CAD anklopfen könnte. Beim aktuellen Kurs von 23,50 CAD (in Deutschland 14,50 EUR) ist die Bewertung mit einem für 2027 erwarteten KGV von etwa 14, anders als der spekulative Charakter des Kursverlaufs vermuten ließe, fast unverschämt günstig.

    Der Rücksetzer der vergangenen Wochen – die Aktie verlor zeitweise mehr als ein Viertel ihres Werts gegenüber dem April-Hoch – lässt sich nicht mit operativen Enttäuschungen erklären. Auslöser war vielmehr eine am 4. Juni platzierte, von ursprünglich 700 auf 800 Mio. USD aufgestockte Wandelanleihe zur Finanzierung des weiteren Sangdong-Ausbaus. Der Markt reagierte mit den für solche Kapitalmaßnahmen typischen kurzfristigen Verwässerungssorgen, obwohl das Unternehmen parallel sogenannte Capped Calls abschloss – Absicherungsinstrumente, die den Verwässerungseffekt bei einer späteren Wandlung der Anleihe in Aktien begrenzen sollen. Gestützt wurde der Kurs hingegen durch die Aufnahme in die US-Nebenwertebarometer Russell 1000 und Russell 3000, was institutionelle Indexfonds zu automatischen Käufen zwingt. Das ursprünglich kanadische Unternehmen hat seinen Hauptsitz inzwischen nach Dillon im US-Bundesstaat Montana verlegt, womit die Aufnahme in die beiden Indizes angesichts einer Marktkapitalisierung von mehr als 4,5 Mrd. USD nur noch Formsache war. Das Hauptziel des Umzugs war jedoch etwas anderes: Einerseits wollte das Management um CEO Lewis Black damit die Bedeutung als Rohstofflieferant für die US-Streitkräfte unterstreichen, andererseits war die räumliche Nähe zum Gentung-Wolframprojekt, das im zweiten Halbjahr in Betrieb gehen soll, eines der ausschlaggebenden Argumente. Unter dem Strich handelt es sich bei der aktuellen Konsolidierung um eine klassische Verdauungsphase nach einer außergewöhnlichen Kursrally – eine fundamentale Bruchstelle ist nicht erkennbar.

    Applied Digital: Die teure Wette auf die KI-Infrastruktur

    Während Almonty einen physischen Rohstoff liefert und Friedrich Vorwerk unterirdische Leitungen verlegt, verkauft Applied Digital buchstäblich Raum und Strom – für die Server, auf denen künstliche Intelligenz trainiert wird. Aus dem früheren Krypto-Mining-Spezialisten Applied Blockchain hat das Management um CEO und Mitgründer Wesley Cummins binnen weniger Jahre einen der gefragtesten Betreiber sogenannter Hyperscale-Rechenzentren geformt, dessen Anlagen auf die enormen Strom- und Kühlanforderungen großer KI-Rechenlasten zugeschnitten sind. Der Kurssprung von rund 6 USD Mitte 2024 auf aktuell über 37 USD katapultierte die Marktkapitalisierung auf über 10 Mrd. USD – mehr als das Doppelte von Almontys Bewertung und das Siebenfache von Friedrich Vorwerk.

    Im Unterschied zu den beiden anderen Werten des Trios steht hinter dieser Bewertung jedoch noch keine schwarze Zahl. Einiges spricht dafür, dass das auch mittelfristig so bleibt. Im dritten Geschäftsquartal 2026 wuchs der Umsatz zwar um 139 % auf 126,6 Mio. USD, der Nettoverlust weitete sich jedoch parallel auf 100,9 Mio. USD aus. Erst für das Geschäftsjahr 2029 ist laut Konsensschätzungen mit schwarzen Zahlen zu rechnen. Das aus dem dann erwarteten Gewinn von 1,05 USD je Aktie abgeleitete KGV von rund 36 macht Engagements zum jetzigen Zeitpunkt zu einer Wette auf einen noch Jahre entfernten Breakeven. Finanziert wird der Ausbau der sogenannten AI-Factory-Campusanlagen, darunter der Standort Polaris Forge in North Dakota, über massive Fremdkapitalaufnahmen: Im März 2026 platzierte das Unternehmen besicherte Anleihen über 2,15 Mrd. USD zu einem Kupon von rund 6,75 %, um Kapazitäten für den Großkunden CoreWeave und nicht näher genannte Hyperscaler – also die größten Cloud-Betreiber wie Microsoft, Amazon oder Google – zu errichten. Im Juni folgten weitere Schuldverschreibungen in Höhe von 1,59 Mrd. USD.

    Die Risikofaktoren liegen entsprechend offen: Eine Beta-Kennzahl von 5,7 signalisiert eine mehr als fünffache Schwankungsintensität im Vergleich zum Gesamtmarkt, was auch dem vollständigen Ausstieg von Nvidia aus der Beteiligung im vierten Quartal 2025 geschuldet sein dürfte, der zwischenzeitlich deutliche Kursverluste zur Folge hatte. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird sein, ob die vertraglich gesicherten Leasingeinnahmen aus den fertiggestellten Rechenzentrumskapazitäten schnell genug anlaufen, um die wachsende Zinslast zu kompensieren. Analystenhäuser wie Roth MKM rechtfertigen ihre positiven Einschätzungen mit dem Verweis auf ein theoretisches Betriebsergebnis von rund 1 Mrd. USD bei voller Auslastung der unter Vertrag stehenden Kapazitäten – ein Szenario, dessen Eintritt freilich abzuwarten bleibt.

    Dreimal rasantes Wachstum, ein Erkenntnisgewinn

    Energieinfrastruktur in Norddeutschland, Wolframabbau in Südkorea, Rechenzentren für künstliche Intelligenz in North Dakota – drei Unternehmen, drei Branchen, drei völlig unterschiedliche Geschichten. Im gemeinsamen Kern, dem rasanten Aufstieg in den Milliardenclub, liegt für Anleger der eigentliche Erkenntnisgewinn: Eine Vervielfachung des Börsenwerts sagt zunächst nichts darüber aus, auf welchem Fundament sie steht. Friedrich Vorwerk zeigt, dass auch ein längst profitables, moderat bewertetes Unternehmen empfindlich auf regulatorische Änderungen reagieren kann, selbst wenn die operativen Zahlen weiter überzeugen. Almonty demonstriert, wie schnell der Markt zwischen euphorischer Neubewertung und nüchterner Verwässerungssorge hin- und herpendeln kann, auch wenn das erreichte Bewertungsniveau fundamental zu rechtfertigen ist. Applied Digital schließlich zeigt die andere Seite der Medaille: eine Bewertung, die fast vollständig auf zukünftigem Geschäft beruht, finanziert über eine Schuldenlast, die im KI-Infrastrukturboom zur Normalität geworden ist.

    Für Anleger ergibt sich daraus eine Differenzierungsaufgabe: Wer auf gereifte, fundamental gut abgesicherte Werte setzen will, wird bei Friedrich Vorwerk und Almonty fündig – mit dem Unterschied, dass die Politik im einen Fall zum Bremsklotz geworden ist und im anderen Rückenwind verleiht. Wer dagegen die maximale Hebelwirkung des KI-Infrastrukturbooms im Blick hat, landet bei Applied Digital, damit aber auch bei der höchsten Bewertung, dem geringsten fundamentalen Polster und dem größten Rückschlagrisiko der drei Werte.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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