10.04.2026 | 05:45
Zwischen Hybris, Hype und Hypothek: A.H.T. Syngas, 2G Energy und SFC Energy im Cleantech-Kampf
In einer Zeit, in der Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus fossile Energien befeuert, ringen innovative Cleantech-Unternehmen um Aufmerksamkeit und Investoren. A.H.T. Syngas, 2G Energy und SFC Energy verkörpern den Aufbruch zu sauberer, dezentraler Energieversorgung – von Wasserstoff aus Abfall bis hin zu flexiblen Brennstoffzellen. An der Börse kämpfen diese Nebenwerte aktuell mit stumpfen Waffen, während Rüstungsaktien hoch im Kurs stehen. Doch die Wiederentdeckung nachhaltiger Geschäftsmodelle ist nur eine Frage der Zeit.
Lesezeit: ca. 8 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
2G ENERGY AG | DE000A0HL8N9 , SFC ENERGY AG | DE0007568578 , A.H.T. SYNGAS TECH. EO 1 | NL0010872388
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Saubere Energie: Zwischen Aufbruch und Aufmerksamkeitsdefizit
Seit Jahren hinkt das deutsche Nebenwertesegment dem DAX hinterher. Besonders schwer haben es Unternehmen, die der Theorie nach eigentlich auf der Gewinnerseite stehen müssten: Anbieter von CO₂-freien Energien. Doch seit dem Ende des kurzen Wasserstoff-Hypes zu Beginn des Jahrzehnts und dem anschließenden Kriegsausbruch in der Ukraine haben die einst verpönten Rüstungsaktien den Zukunftstechnologien den Rang abgelaufen. Eine Situation, die sich durch die erneute Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten noch verschärft hat. Statt den Klimaschutz zu fördern, setzt der mächtigste Mann der Welt auf alte Industrien, die mit Kohle, Gas und Öl befeuert werden. Damit konterkariert er die weltweiten Bemühungen zur Reduktion von Treibhausgasen. Obwohl die EU-Politik weiterhin auf CO₂-Vermeidung ausgerichtet ist, kämpfen Cleantech-Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe auf verlorenem Posten. Die Stempel „Deutscher Nebenwert“ und „Nachhaltigkeit“ sind zum doppelten Malus geworden. Verzweifelt ringen die Manager der betroffenen Firmen um die Aufmerksamkeit der Investoren.
Gero Ferges kann ein Lied davon singen. Der Vorstandschef von A.H.T. Syngas Technology hätte eine spannende Story zu erzählen, doch in den heiligen Hallen der Hochfinanz findet er kaum Gehör. Die Aktie von A.H.T. Syngas, gelegentlich auch unter AHT Syngas zu finden, liegt allenfalls in den Portfolios auf Nachhaltigkeit spezialisierter Vermögensverwalter wie Murphy & Spitz, die ihrerseits mit Aufmerksamkeitsdefiziten zu kämpfen haben. Die Folge ist eine jahrelange Talfahrt der Kurse. Murphy & Spitz Green Capital stürzte innerhalb von fünf Jahren von 4,40 auf 1,30 EUR ab, A.H.T. Syngas in noch wesentlich kürzerer Zeit von über 20,00 auf nur noch knapp über 3,00 EUR. Die Marktkapitalisierung beider Unternehmen liegt bei weniger als 10 Mio. EUR und damit weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der etablierten institutionellen Adressen. Bei A.H.T. Syngas kommt hinzu, dass das operative Geschäft zwar in Bonn und Overath beheimatet ist, der offizielle Firmensitz sich aber im niederländischen Eindhoven befindet – noch zumindest, denn der Umzug soll in diesem Jahr über die Bühne gehen. Ob das Interesse der Börsianer dadurch größer wird, bleibt allerdings abzuwarten.
Aus Abfall mach' Wasserstoff: Das Geschäftsmodell von A.H.T. Syngas
Immerhin auf der Internetseite von BNP Paribas Wealth Management gibt es ein kurzes Unternehmensporträt von A.H.T. Syngas, was dafür spricht, dass die französische Großbank den Nebenwert nicht komplett ignoriert. Besonders aktuell ist die BNP-Beschreibung allerdings nicht. Demnach ist das Unternehmen primär im Bereich Industrielle Dienstleistungen tätig und wird der Branche Öl & Gas zugeordnet. Gas stimmt zwar, aber mit Ölmultis wie Shell oder BP hat das Geschäftsmodell nichts zu tun. Das Kerngeschäft ist – oder besser war – die Planung, der Bau und der Verkauf von Anlagen, die Biomasse, Holz- und Gärreste oder Klärschlamm in Gas umwandeln. Mit anderen Worten: Das Unternehmen verdient sein Geld damit, aus Abfall Strom und Wärme zu machen. Im Unterschied zu herkömmlichen Biogasanlagen steht am Ende des Prozesses nicht ein Gemisch aus Methan und Kohlendioxid, sondern ein sauberer Mix auf Wasserstoffbasis. Das nennt sich Synthesegas (daher der Firmenname) und kann entweder direkt zur Wärmegewinnung oder in einem Blockheizkraftwerk zur dezentralen Energieerzeugung genutzt werden.
Das sogenannte Doppelfeuer- oder Twin-Fire-Verfahren von A.H.T. ist patentgeschützt, ebenso wie die Weiterentwicklung zur Gewinnung von grünem Wasserstoff. Das soeben abgeschlossene, öffentlich geförderte Forschungsprojekt BiDroGen bescheinigt dem A.H.T.-Verfahren skalierbare Produktionskosten zwischen 4,40 und 7,98 EUR pro Kilogramm Wasserstoff, was günstiger ist als die Herstellung von elektrolysebasiertem Wasserstoff. Zusätzliche Einnahmen verspricht sich das Unternehmen durch den Verkauf von CO₂-Zertifikaten. Der nicht weniger interessante zweite Teil des Geschäftsmodells ist das Contracting, in das A.H.T. jetzt einsteigt. Damit ist gemeint, dass die Anlagen neuerdings nicht mehr nur verkauft, sondern von A.H.T. Syngas selbst betrieben werden. Dazu schließt das Unternehmen langfristige Energielieferverträge, beispielsweise mit mittelständischen Firmen, was für wiederkehrende Einnahmen sorgt und die Einstufung „industrielle Dienstleistungen“ am Ende auch irgendwie rechtfertigt.
Was Analysten für die Zukunft erwarten
Die einzigen Analysten, die sich bislang näher mit dem weitgehend unentdeckten Wert beschäftigt haben, sind Cosmin Filker und Matthias Greiffenberger vom Augsburger Investmenthaus GBC Research. Sie erwarten für 2026 einen Umsatz von gut 9 Mio. EUR, der sich im nächsten Jahr auf mehr als 18 Mio. EUR verdoppeln soll. In diesen Schätzungen, die aus dem Dezember 2025 stammen, noch nicht enthalten ist eine erst kürzlich gemeldete Kooperation mit dem polnischen Projektentwickler Innotec Energy, die schon in diesem Jahr für Aufträge in Höhe von rund 10 Mio. EUR sorgen soll. Polen ist ein besonders interessanter Markt, da das Land noch stark von fossilen Energieträgern abhängig ist und gleichzeitig über große heimische Biomasseressourcen verfügt. Doch ob mit oder ohne polnisches Neugeschäft – die Gewinnschwelle soll laut den GBC-Experten 2027 mit einem Ergebnis je Aktie von 0,38 EUR nachhaltig überschritten werden. Auf Basis dieser Schätzung liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei günstigen 8,0.
2G Energy: Der Nebenwerteklassiker aus dem Münsterland
Ganz andere Bewertungen sind üblich, wenn ein Unternehmen die für institutionelle Investoren maßgebliche kritische Größe erreicht, die für viele Nebenwertefonds bei einer Marktkapitalisierung von 100 Mio. EUR liegt. 2G Energy etwa wird mit einem KGV von 19 gehandelt, der Börsenwert von gut 700 Mio. EUR liegt weit über dem für dieses Jahr geschätzten Umsatz von 472,7 Mio. EUR. Allerdings ist das Unternehmen eben auch viel weiter in seiner Entwicklung, wie schon das von der Autobahn A31 kaum übersehbare Firmengelände im münsterländischen Heek zeigt. Die Bauarbeiten für das neue Verwaltungsgebäude und eine zusätzliche, 880 Quadratmeter große Produktionshalle für Wärmepumpen stehen kurz vor dem Abschluss. Mit über 1.000 Mitarbeitern und 15 Tochtergesellschaften ist der Spezialist für Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in mehr als 50 Ländern aktiv und verfügt über eine solide Kundenbasis, die Industriebetriebe, Hotels und sogar Stadtwerke umfasst. Starkes Wachstum verzeichnete das Unternehmen zuletzt vor allem im Ausland, erstaunlicherweise – trotz Trump – auch in den USA. Ein signifikanter und wachsender Teil des Geschäfts umfasst langfristige Service- und Wartungsverträge für die installierten Anlagen, wobei ebenfalls die dezentrale Energieversorgung im Mittelpunkt steht. Strom, Wärme und gegebenenfalls auch Kälte werden effizient am Ort des Verbrauchs erzeugt. Die Anlagen sind flexibel einsetzbar und können mit Erdgas, Biogas oder zu 100 % mit Wasserstoff betrieben werden.
In den 19 Jahren seit dem Börsengang hat sich die heute im SDAX notierte Aktie zu einem echten Nebenwerteklassiker entwickelt, was sich auch im Chart zeigt. Zuletzt sprang der Kurs auf ein neues Allzeithoch jenseits der Marke von 40,00 EUR. Gestartet war 2G im Sommer 2007 auf einem ähnlich niedrigen Kursniveau, wie es A.H.T. Syngas heute aufweist (wenn auch bereinigt um einen 4:1-Aktiensplit im Jahr 2022). Die Erfolgsgeschichte von 2G Energy ist untrennbar mit dem Namen Christian Grotholt verbunden, der das Unternehmen 1995 zusammen mit Ludger Gausling gegründet hatte und über 30 Jahre lang an der Spitze stand. Im Sommer 2025 zog er sich in den Aufsichtsrat zurück. Sein Nachfolger Pablo Hofelich strebt ein jährliches Umsatzwachstum von 10 % an. Dazu beitragen soll der neugegründete Geschäftsbereich Data Center Solutions, der ausfallsichere, effiziente und nachhaltige Stromversorgung für Rechenzentren anbietet. Auch Wasserstoff bleibt ein großes Thema für den Manager, der die Dekarbonisierung, also die Vermeidung von Treibhausgasemissionen, zu einem der zentralen Themen seiner beruflichen Laufbahn erklärt hat.
SFC Energy: Zwischen Rüstungsboom und Ergebnisdruck
Damit liegt er auf einer Wellenlänge mit Peter Podesser, dem CEO von SFC Energy. Der gebürtige Österreicher lenkt bereits seit zwei Jahrzehnten die Geschäfte des in Brunnthal bei München ansässigen Unternehmens, das Brennstoffzellen für die umweltfreundliche, dezentrale Energieversorgung produziert (SFC steht für „Smart Fuel Cells“). Anders als bei 2G Energy und A.H.T. entsteht die Energie nicht in großen Anlagen, sondern quasi direkt am Gerät. Ob Messtationen oder Wohnmobile, SFC adressiert primär Kunden in Bereichen, in denen kein Stromnetz verfügbar ist oder eine hohe Ausfallsicherheit benötigt wird. Zwischenzeitlich erhielt Podesser sogar die gewünschte Aufmerksamkeit der Investment-Community. Durch den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine und die weltweit erhöhten Militärbudgets rückte vor allem der Bereich Verteidigung & Sicherheit (Defense & Security) in den Fokus. Brennstoffzellen dienen hier zur Stromversorgung von Soldaten im Feld oder zur Überwachung kritischer Infrastruktur. Durch Beteiligungen, etwa am KI-Sicherheitsanbieter Oneberry Technologies, kombiniert SFC seine Energiequellen zunehmend mit digitaler Überwachungstechnik und Künstlicher Intelligenz.
Beste Voraussetzungen also für Wachstum, doch in den Zahlen zeigt sich das bislang nicht. Der Umsatz sank 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 1,0 % auf 143,3 Mio. EUR, der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) brach um 42,6 % auf 8,9 Mio. EUR ein. Unterm Strich rutschte SFC mit einem Ergebnis je Aktie von -0,03 EUR sogar in die roten Zahlen. Neben Sonderaufwendungen und Personalkosten waren dafür unter anderem die gestiegenen Rohstoffpreise verantwortlich. Explizit nennt das Unternehmen im Finanzbericht die Preise für Platin und Ruthenium, die zu einer deutlich gestiegenen Materialaufwandsquote geführt hätten. Zwar geht der Vorstand davon aus, dass der Umsatz schon in diesem Jahr wieder auf 150 bis 160 Mio. EUR steigt, aber mit dem Höhenflug der Aktie ist es fürs Erste vorbei. Seit dem im Frühjahr 2025 erreichten 52-Wochen-Hoch bei über 26,00 EUR hat sich der Kurs nahezu halbiert. Damit teilt SFC das Schicksal von A.H.T. Syngas: Ohne neue Erfolgsmeldungen dürfte es schwierig werden, wieder Schwung in den Kurs zu bringen. Die Zahlen zum ersten Quartal, die für den 15. Mai erwartet werden, wären dazu geeignet – sofern sie denn gut ausfallen.
Momentum, Bewertung und eine Frage der Aufmerksamkeit
Die Bewertung von SFC mit einem geschätzten KGV von 19 für das Jahr 2027 liegt exakt auf dem Niveau von 2G Energy, doch die operative Entwicklung war zuletzt schwach. Auch der Börsenwert von fast 250 Mio. EUR liegt deutlich über dem erwarteten Jahresumsatz. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass das Unternehmen schnell wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrt. Für Momentum-Investoren ist 2G Energy daher aktuell erste Wahl. A.H.T. Syngas ist gemessen am Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,0 der günstigste der drei Cleantech-Werte, allerdings wird das Unternehmen frühestens im nächsten Jahr die Gewinnzone erreichen. Um die Größe der beiden etablierten Player im Markt für dezentrale Energieversorgung zu erreichen, benötigt der Microcap vor allem eines: Aufmerksamkeit. Das bedeutet viel Arbeit für CEO Ferges und sein 27-köpfiges Team.
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