28.10.2026 | 05:42
Klimaschutz bei Nel und Daimler Truck in der Sackgasse: Warum Wasserstoff und E-Lkw stocken und dynaCERT eine Brücke baut
Die Logistikbranche steht aktuell vor einer existenziellen Herausforderung, die durch stark steigende Energiekosten geprägt ist. Laut dem Ölbulletin der Europäischen Kommission lag der Dieselpreis im EU-Schnitt Mitte Oktober bei 2,136 EUR je Liter und damit knapp 40 % über dem Vorjahr. Gleichzeitig verzögert sich der Aufbau emissionsfreier Infrastrukturen für den Schwerlastverkehr spürbar. Für Speditionen gewinnen damit Lösungen an Bedeutung, die den Verbrauch ihrer Bestandsflotten senken.
Lesezeit: ca. 2 Min. | Autor: Nico Popp
ISIN: dynaCERT Inc | CA26780A1084 , Nel ASA | NO0010081235 , Daimler Truck Holding AG | DE000DTR0013
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Der Autor
Nico Popp
In Süddeutschland zuhause, begleitet der leidenschaftliche Börsianer die Kapitalmärkte seit rund zwanzig Jahren. Mit einem Faible für kleinere Unternehmen ausgestattet, ist er ständig auf der Suche nach spannenden Investmentstorys
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Nel: Volle Auftragsbücher und ausbleibende Projektumsetzungen bei der Elektrolyse
Der norwegische Hersteller Nel steht exemplarisch für die ausgeprägte Stagnation bei industriellen Wasserstoffprojekten. Im dritten Quartal konnte das Unternehmen seinen Auftragseingang nach eigenen Angaben zwar um 339 % auf 253 Mio. NOK steigern. Zur gleichen Zeit brach der tatsächliche Umsatz aus Kundenverträgen laut dem jüngsten Quartalsbericht jedoch um 63 % auf 112 Mio. NOK ein. Besonders das Geschäft mit der alkalischen Elektrolyse, die traditionell als Rückgrat für industrielle Großprojekte dient, verzeichnete einen massiven Rückgang von 91 %. Wie Marktbeobachter betonen, hindern hohe Fremdkapitalkosten und das Fehlen langfristiger Abnahmeverträge Projektentwickler weltweit daran, finale Investitionsentscheidungen zu treffen. Ein Lichtblick in der Bilanz bleibt lediglich die kompaktere PEM-Technologie, deren Umsatz laut Nel um 65 % auf 89 Mio. NOK stieg.
Daimler Truck: Batterieelektrischer Absatz unter Druck
Auch der Wandel auf der Straße gerät ins Stocken, wie die Auslieferungszahlen von Daimler Truck belegen. Der Nutzfahrzeughersteller steigerte seinen Gesamtabsatz im dritten Quartal um 26 % auf 91.260 Einheiten. Allerdings fanden batterieelektrische Modelle bei Daimler Truck kaum Abnehmer: Lediglich 1.207 Einheiten wurden den Unternehmensdaten zufolge abgesetzt, was einem Rückgang von 28 % entspricht. Ein Elektro-Lkw wie der eActros 600 kostet in der Anschaffung etwa das Zwei- bis Zweieinhalbfache eines regulären Diesel-Pendants. Die unzureichende Ladeinfrastruktur entlang der Autobahnen sowie Einbußen bei der Nutzlast machen den sofortigen Umstieg für Logistiker bei den aktuellen Kosten wirtschaftlich unattraktiv. Viele Speditionen halten daher vorerst an ihren Euro-6-Dieselflotten fest.
dynaCERT: Pragmatische Brückentechnologie für den Diesel-Alltag
In diesem infrastrukturellen Vakuum positioniert sich dynaCERT mit einer überzeugenden On-Board-Lösung. Das HydraGEN™-System des kanadischen Unternehmens erzeugt direkt am Lkw per Elektrolyse Wasserstoff und Sauerstoff aus destilliertem Wasser. Diese Gase werden bedarfsgesteuert in den Ansaugtrakt des Dieselmotors geleitet, um die Verbrennungseffizienz thermodynamisch zu optimieren. Nach Unternehmensangaben sinken dadurch Kraftstoffverbrauch und Rußausstoß, zudem muss der Dieselpartikelfilter seltener regeneriert werden. Diese kumulierten operativen Kostenvorteile wirken den hohen Spritpreisen entgegen. Die Anschaffung der Hardware amortisiert sich so je nach konkretem Szenario zügig. Erste kommerzielle Fortschritte gibt es bereits: Nach einem Serienauftrag im Juni in Vietnam vermeldete das Unternehmen Anfang Oktober im Zuge der Zusammenarbeit mit dem Vertriebspartner IPMD eine Folgebestellung eines Bestandskunden im französischen Markt.

dynaCERT: Telematik und CO2-Zertifikate als mögliches zweites Standbein
Ein zusätzlicher Wachstumstreiber für dynaCERT könnte in der Telematik liegen. Über die proprietäre Software HydraLytica™ erfasst das System die Leistungsdaten der Motoren direkt aus dem Motorsteuergerät, ohne manuelle Eingriffe. Die 2024 überarbeitete Methodik VMR0004 der Zertifizierungsorganisation Verra, die dynaCERT mitentwickelt hat, erlaubt eine solche fahrzeuggenaue Überwachung per Telematik. Auf dieser Grundlage könnten nachgewiesene Emissionseinsparungen künftig in CO2-Zertifikate umgewandelt werden. Von möglichen Erlösen aus solchen Gutschriften könnten dann sowohl dynaCERT als auch seine Kunden profitieren. Zudem hatte sich das Unternehmen 2024 mit 15 % am AEM-Elektrolyseur-Spezialisten Cipher Neutron beteiligt.
Fazit: Operative Skalierung als nächste entscheidende Hürde
Obwohl sich die HydraGEN™-Nachrüstung für Flottenbetreiber laut Unternehmensangaben schnell rechnet, steht das Cleantech-Unternehmen vor dem Sprung von Pilotprojekten in die globale Massenfertigung. Die Finanzierung über Wandelanleihen von 5 Mio. CAD im Juni verschafft dem Management vorerst finanziellen Spielraum. Die Aktie von dynaCERT bleibt angesichts der komplexen Skalierungsaufgaben und der Abhängigkeit vom Kapitalmarkt ein spekulatives Papier, bietet jedoch bei einem erfolgreichen globalen Vertriebsaufbau vielversprechende Chancen auf eine grundlegende Neubewertung.
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